Literaturzirkel Pittental
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Josef Ponweiser

Aktuelle Literatur
Fiktives Tagebuch in Corona-Zeiten

Montag, der 7. Dezember 2020. Eigentlich müsste ich jubeln. Seit Mitternacht darf ich tagsüber wieder das Haus verlassen, ohne das durch genau aufgelistete Ausnahmefälle begründen zu müssen. Der harte Lockdown ist zu Ende, vorläufig vielleicht nur. Geschäfte, in denen es nicht nur Lebensmittel gibt, dürfen wieder offen haben, und ich dürfte hinein, sofern für mich zehn Quadratmeter Freiraum gewährleistet sind und ich eine Maske trage. Letzteres hätte ich allerdings nur deshalb beinahe zu erwähnen vergessen, weil ich mich in den letzten Monaten fast schon daran gewöhnt habe.
Jubeln kann ich trotzdem nicht. Es ist nur ein bisschen weniger hart, dass ab 20.00 Uhr bis zum Morgen wieder eine Ausgangssperre gilt. Freilich stört das kaum. Es gibt ohnedies keine Veranstaltungen, keine Theatervorstellung, kein Kino, und Lokale haben auch tagsüber nicht offen. Nur manche bieten Speisen zum Mitnehmen an. Das tröstet nicht sehr. Das servierte Frühstück, das ich mir fallweise in einem Cafe gegönnt habe, funktioniert so nicht.
Dem Datum nach ist Advent, aber es gibt nirgends eine Weihnachtsfeier, keinen Christkindlmarkt und keinen Punschstand. Treffen von Personen aus mehr als zwei Haushalten sind übrigens auch zu Hause verboten. Aber immerhin dürften wir voraussichtlich wenigstens zu den drei Weihnachtfeiertagen und Silvester maximal zu zehnt sein und über 20.00 Uhr hinaus dem eigenen Heim fernbleiben.
Auswandern wäre die Devise, aber wohin? Zumindest in allen Nachbarländern gelten im Wesentlichen dieselben harten Reisebeschränkungen, und die Umstände dort sind kaum gastlicher. Ohne Maske, bis vor kurzem nur ein exotisches Beiwerk im auch ansonsten exotisch anmutenden Fernen Osten, geht es fast weltweit nicht mehr, und wer sich der verordneten Realität verweigert, gilt rasch als Verschwörer. Dass die nicht Überhand nehmen, wird sorgfältig überwacht, welche Videos und Nachrichten unsere doch so freie Meinung und wissenschaftliche Auffassung beeinträchtigen könnten und einfach ausgefiltert, was nicht in den beschworenen Zusammenhalt hineinzupassen scheint.
Nein, es war kein revolutionärer Putsch, der das alles bewirkt hat. Es war ein winziges Etwas, von dem sogar durch Bodyguards massiv abgesicherte Politiker und Präsidenten trotz deren fallweise eigener Behauptung, dieses Etwas gäbe es gar nicht, befallen werden. Angst als Nährboden ist dafür völlig ausreichend.
Hätte jemand vor einem Jahr versucht, mir genau diese Situation als möglich einzureden, hätte ich ihn für verrückt gehalten. Nun beschreibe ich die aktuelle Lage deshalb, um mir selbst diese Unbegreiflichkeit zu dokumentieren. Dabei habe ich nicht einmal einen ernsthaften Grund zur Klage. Mein ohnedies eher abgeschiedenes Leben hat sich durch die beschriebenen Maßnahmen kaum verändert. Ich habe die früher bestehenden Angebote speziell im Advent ohnedies nur selten genützt. Der Gedanke aber, dass ich sie gar nicht hätte, selbst wenn ich sie wollte, lässt mich ein Stück unfreier fühlen und führt mich zu mir selbst zurück. Wenn keiner weiß, welchen Sinn das Ganze hat, steht es mir immerhin noch frei, ihm selbst einen zu geben. Für mich besteht er im Reflektieren.
Corona macht meiner Auffassung nach sichtbar, was immer schon da war. Mit ein bisschen Ehrlichkeit habe jedenfalls ich immer schon eine Maske getragen und auf Abstand geachtet. Es zeigt sich immer, wenn ich mit einem eingelernten „Danke, gut“ auf die ebenfalls meistens eingelernte Frage antworte, wie es mir geht, und ich glaube nicht, dass ich damit allein bin. In mein eigenes Gemüsegärtchen will ich keinen anderen Menschen über den Zaun schauen lassen. Es reicht, mich selbst darinnen aufzuhalten und beim Unkrautjäten darauf achten zu müssen, nicht noch mehr Unerwünschtes zutage zu fördern. Allerdings zeigt sich auch, dass ich mich in dieser Abgeschiedenheit auch wohlfühlen kann, einfach dadurch, dass ich mir mehr Zeit für mich selbst nehme und mehr auf meine tatsächlichen Bedürfnisse achte. Die unterscheiden sich deutlich von der gesellschaftlichen Jagd nach Wirtschaftswachstum und Prestige, aber sie konfrontieren mit der Gewohnheit.
Von der behaupte ich, dass sie sehr unwirsch und beharrlich werden kann, wenn sie sich ertappt sieht. Es war einfach bequem, sich dem Lauf des Vertrauten zu überlassen und eine Sicherheit, die es ohnedies nie gegeben hat, nicht in Frage stellen zu müssen. Diese Illusion ist nun als solche bloßgestellt.
Ich habe gehört, dass Corona gleichbedeutend mit dem prophezeiten 3. Weltkrieg sein könnte. Auf den zweiten Gedanken ist das gar nicht mehr so absurd, denn weltweit gilt der Slogan, gegen das Virus kämpfen zu müssen. Eine andere Auffassung dazu ist, dass, wer kämpft, schon verloren hat, und eine weitere, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist – also immer Neues daraus entsteht.
Davon ist auszugehen. Was es sein wird, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich mir aussuchen kann, ob ich mich als Opfer der Umstände betrachten oder ihre Vorteile erkennen will. Herauszufinden, welche das sein könnten, obliegt aber jeder und jedem Einzelnen selbst. Corona könnte eine Einladung dazu sein. Darum ist es mir immer noch lieber als ein Krieg oder eine vergleichsweise Katastrophe, die passieren hätten müsse, um innerhalb weniger Monate eine derartige Umwälzung zu bewirken. Meine Devise dabei ist, nicht gegen das Bestehende anzukämpfen, sondern auf das Neue zu achten, das aus scheinbaren Scherben erblühen will. Das könnte dem Advent seine wahre Bedeutung zurückgeben.
 
Seminarerfahrung

Dein Name: vergessen.
Das Jahr, der Tag und die Stunde: vergessen.
Nicht wichtig.
Nicht wichtig dein Haar, deine Augen, dein übriger Körper.
Nur, dass alle zusammen mir nahe waren.
Nahe genug, dass ich wusste:
Du weißt mehr von mir als ich selbst.
Es gab kein Verdecken,
kein Täuschen, kein Flüchten.
Du sahst mich.
Du sahst ein Strahlen,
ein Ruhen, den ewigen Frieden.
Ich selbst sah mich nicht.
Ich spürte es nur
aus der Liebe in deinen Augen,
ganz kurz nur,
doch lange genug,
es nicht zu vergessen.
Du sahst, was ich sein könnte.
Du sahst, was wir alle sind.
Du sahst vor allem dich selbst,
und weil du ganz du warst,
konnte auch ich an mich glauben.
So vergaß ich das Beiwerk,
doch könntest du mir
in jedem Menschen
wieder begegnen.
 
Gott

In raumloser Unendlichkeit ruhe ich jenseits der Stille,
im ewigen Jetzt selbst das Ungetane bereits als vollendet wissend.
Ich spreche durch Schweigen und wirke durch Nichtstun.
Es ist meine Schöpfung, die für mich handelt.
Der zeitlose Strom unendlicher Möglichkeiten
gebiert aus sich selbst die Erfahrung einzigartigen Seins in der Einheit,
die ich sein könnte, wenn ich wäre.
Denn nur im Nichts ist auch alles,
und alles ist das Geschenk meiner Liebe.
Wer sie wirklich kennt, kennt auch mich.
 

Liebesvariationen

 
Es flattert nicht mehr im Bauch, wenn sie sich sehen. Bis zum Ja-Wort war das Flattern meistens noch da. Trotzdem steht jeden Tag für Mann und Kinder das Essen auf dem Tisch, ist die Wohnung sauber und die eine Tochter pünktlich von der Reitstunde, die andere von der Musikstunde abgeholt. Er kommt müde heim und schaltet den Fernseher ein. Das Zusammensein ist alltäglich geworden. Ist das noch Liebe? „Natürlich“, sagt sie, „wofür wäre ich sonst am Abend geschlaucht, wenn ich es nicht für meinen Mann und meine Kinder täte?“ -  „Was soll die Frage“, ist er regelrecht entrüstet, „ich schufte und mache Überstunden, damit meine Frau sich zu Hause um die Kinder kümmern kann. Gestern abends habe ich sogar auf das Bier mit meinen Freunden verzichtet, um rechtzeitig bei der Geburtstagsfeier meiner Tochter zu sein.“
 
Trotzdem überzeugt es mich nicht. Weil ich nirgends eine umfassende Definition gefunden habe, was Liebe eigentlich ist, habe ich versucht, mir selbst eine zu basteln. Das Ergebnis hat mich zunächst überrascht: Liebe ist die Freude daran, Freiheit zu schenken. Klingt reichlich weit hergeholt, aber mir hilft dieser Satz, um herauszufinden, was ich aus Liebe mache oder wozu ich mich lediglich verpflichtet fühle – weil es sich eben so gehört. Ausschlaggebend ist das Schenken. Ein Geschenk ist etwas dann, weil ich es gerne gebe. Ich will damit nur Freude bereiten. Das ist meine einzige Motivation, und wenn diese frei ist von allen Nebenabsichten, strahlt die Freude auf mich zurück. Schenken bereitet Freude, jedenfalls auf der Seite des Schenkenden. Im Idealfall freut sich auch der oder die Beschenkte, aber hier zeigt sich der schmale Grat echten Schenkens. Es darf keine Bedingung daran geknüpft sein. Der Beschenkte muss auch das Recht haben, sich nicht zu freuen. Das ist so wenig selbstverständlich, dass ich wohl auch erwähnen sollte, woher er dieses Recht bekommt: Es muss Bestandteil des Geschenks sein. Es muss das Recht sein, mit diesem Geschenk ab der Übergabe verfahren zu dürfen, wie es dem Beschenkten beliebt. Und damit liegt in jedem Geschenk, das diesen Ausdruck verdient, das höchste Geschenk, das das Universum zu vergeben hat: Freiheit. Gehe ich damit noch einen Schritt weiter und mache die geschenkte Sache zur Nebensache, erklärt sich daraus die Liebe. Mit Freiheit gebe ich das höchste Gut des Universums weiter. Sie besteht darin, dass du mit dieser Freiheit tun und lassen kannst, was du willst. Mehr kann ich nicht lieben, und das lässt sich leicht prüfen. Ich sage zwar, dass ich dich liebe. Ob es aber stimmt, weiß ich erst, wenn diese Liebe auch dann noch bestehen bleibt, wenn du sie nicht erwiderst. Daher besteht für mich die Liebe darin, einfach nur Freiheit zu schenken, und die Freude, die jedenfalls bei mir daraus entsteht, bestätigt mir, dass ich es bedingungslos tue. In allen anderen Fällen erfülle ich mehr oder weniger freudlos nur eine Erwartung. Das mag zwar bestenfalls fair sein, bleibt aber auf der Ebene der Vertragserfüllung: Ich liebe dich nur, weil du angeblich mich liebst? Meiner Definition von Liebe, die die Freude daran ist, Freiheit zu schenken, wird es nicht gerecht.
 
Was aber, wenn mir überhaupt nicht nach Schenken ist? Das tut der Liebe keinen Abbruch. Ich kann sie mir selbst schenken: als Freiheit, zu mir zu stehen und auszusteigen aus einer Verpflichtung, die für mich nicht stimmt. Was ich dann immer noch weiterzugeben habe, ist Ehrlichkeit, und die kann sogar für beide Seiten befreiend sein.
 
Nun, vielleicht verurteilen Sie mich jetzt als Ketzer, aber etwas hätte ich zu meiner Entlastung vorzubringen. Denn ich habe noch eine universellere Messlatte für die Liebe. Man sagt, Gott sei die Liebe. Ich jedenfalls bin zutiefst überzeugt davon. Und auch, wenn manche Menschen es ganz anders sehen, ist sein Geschenk an uns die Freiheit. Dieses Geschenk entspringt seiner Liebe, und die Bedingungslosigkeit, die mit diesem Geschenk verknüpft ist, schließt eine Verurteilung dafür aus, ob wir dieses Geschenk annehmen oder nicht. Wir bleiben in Liebe geborgen, auch wenn wir sogenannte Fehler machen und es uns nicht gelingt, die Liebe im gleichen Maß weiterzugeben, wie sie uns seit ewigen Zeiten geschenkt ist.
 
Liebe als Freude daran, Freiheit zu schenken, und Gott, der die Liebe ist – wenn ich mir das so recht überlege, sind diese womöglich pathetischen Gedankengänge doch nicht allzu alltagstauglich. Sie eignen sich vielleicht gerade noch dazu, vorgelesen zu werden – rein zufällig zwei Tage vor Weihnachten. Ich habe mir daher einen dritten Satz gesucht. Er erfüllt meine Ansprüche auch und ist zumindest nicht an die Erwartung geknüpft, dass ich von Ihnen verstanden werden muss: Liebe ist, nichts zu müssen.
 
 
6.11.2017

Die Zeit ist aus
 
Die Zeit ist aus. War es dem Schüler die Unterrichtsstunde, deren Monotonie damit endlich endete, oder dem Kind die Zeit des ungeduldigen Wartens auf das Christkind, war es später dem Erwachsenen die Zeit, die er zur Bewältigung seiner Tagesaufgaben hatte und ihm stets zu kurz wurde. Was im einen Fall für Erleichterung und Freude sorgt, bringt im anderen das Gefühl der Überforderung oder des Versagens. Nicht nur einmal geschieht das, sondern immer wieder aus den verschiedensten Anlässen. Zeit ist mit einem Wechselbad der Gefühle verbunden. Sie nötigt zur Eile ebenso wie sie zu Geduld zwingt, und das Schlagwort vom Kampf gegen die Zeit ist zur allgegenwärtigen Erfahrung geworden.
 
„Die Zeit ist aus“. So oft schon gehört, klingt der Satz wie eine Bedrohung. Sie ist es vor allem dann, wenn dieser Satz das Ende eines Lebens kennzeichnet. Dann ist etwas unwiederbringlich zu Ende, und alles, was bis dahin nicht genützt wurde, scheint vertan. Egal, in welcher Form die Zeit auftritt, gilt sie fast immer als Gegnerin. Gegner werden gefürchtet und daher bekämpft, und wer kämpft, vor allem gegen die Zeit, hat nicht die Zeit, sich anders mit ihr zu beschäftigen.
 
Was tut denn die Zeit, dass sie so oft für so schrecklich gehalten wird? Sie vergeht, wie wir meinen, und alles, was vergeht, ist irgendwann aus. Vergeht die Zeit denn wirklich? Was vergeht, sind Ereignisse, nicht aber die Zeit. Die ist indessen immer noch, beständig, verlässlich und immer jung. Sie altert nicht. Der Augenblick, in dem die vergeht, gebiert sie von neuem. Sie ist wie der Phönix, der ununterbrochen aus seiner eigenen Asche steigt. Das Ende des Bisherigen markiert den Beginn des Neuen.
 
„Die Zeit ist aus“. Es ist der Mensch, der das feststellt. Er fesselt sich damit an sein eigenes Schicksal, wenn er nur das Ende sieht und nicht den neuen Anfang. Dieser Anfang braucht keinen äußeren Anlass, um ihn zu bestimmen. Er braucht nur die Augen, die ihn sehen wollen. Dann weitet sich der Blick für neue Chancen und Möglichkeiten, und die Zeit ist aus, in der sich eine Straße als Sackgasse zeigte.
 
Denn eine Sackgasse ist die Zeit nicht. Immer ist sie eine Fahrbahn in zwei Richtungen. Die eine führt in die Vergangenheit, die andere in die Zukunft. Dazwischen kann man auch stehen bleiben. Dann ist man in der Gegenwart, doch steht man zu lange, verbleibt man im Gestern.
 
Wann aber ist wirklich Jetzt? Darauf gibt die Zeit keine direkte Antwort, denn jede Feststellung des Jetzt kommt aus der Vergangenheit.
 
Sie glauben das nicht? Versuchen Sie es doch!
 
Die Vergangenheit und die Zukunft kann der Verstand erfassen, die Gegenwart nicht. Alles, worüber wir uns unterhalten können, befindet sich entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Wer die Gegenwart begreift, begreift auch die Ewigkeit. Sie ist der Zustand ohne Anfang und Ende, und der ist das Gegenteil der Zeit, wie wir sie kennen. Die läuft indessen weiter, und wir brauchen sie – auch, um über sie etwas vorlesen zu können.
 
Denn stellen Sie sich vor: die Zeit ist aus. Nichts vergeht mehr, doch es kommt auch nichts Neues. Jeder von uns verbleibt für immer in dem Gefühl, in dem er gegenwärtig ist. Ein schönes Gefühl? Wenn nicht, ist es nicht schön, die Zeit zu haben, das ändern zu können?
 
So ist es wohl das Beste, wir nehmen uns eine Auszeit. Sie ermöglicht uns eine Besinnung darauf, ob das, was wir mit unserer Zeit anfangen, wirklich zu unserem Besten ist. Sollte das jemand zu praktisch sein, lässt sich über die Zeit auch vortrefflich philosophieren. Verkrampfen Sie sich aber nicht dabei, die Gegenwart begreifen zu wollen. Sie können ohnedies nur jetzt an die Vergangenheit oder an die Zukunft denken.
 
Willkommen in der Ewigkeit.
6.6.2017


Das innere Kind
 
Was, plötzlich willst du mit mir reden? Wo warst du denn die ganze Zeit? So oft ich nach dir gerufen habe, warst du nicht da. Zu beschäftigt, zu erwachsen, zu wichtig, um dich einem Kind zu widmen. Darum habe ich es aufgegeben. Ich habe mich damit abgefunden, nicht gehört zu werden. Nicht, weil ich in der Zwischenzeit erwachsen geworden wäre, sondern weil es weh tut, zu hoffen und stets aufs Neue enttäuscht zu werden. In diesem Schmerz habe ich mich verkapselt und mich mit meinem eigenen Wimmern in den Schlaf gesungen.
 
Nun wunderst du dich, dass ich trotzig bin? Ich will nicht mit dir reden. Vielleicht bist du nur ein Trugbild in einem Traum, aus dem ich nicht erwachen will. Ich wollte schlafend vergessen, dass ich vergessen bin. Doch immer wieder war ich wach, und manchmal merkte ich, dass du mir nahekamst. Dann fing ich an zu hoffen und konnte nicht begreifen, dass du nicht mein Schreien hörst.
 
Angenommen wollte ich sein. Ich will es noch immer. Doch du wolltest nicht. Du hattest Angst vor meiner dumpfen Wut. Auch Kinder haben Wut, wenn sie nicht kriegen, was sie wollen. Nur Kind wollte ich sein, das spielen will, und ich durfte nicht. Ich trotzte.
 
Du weißt, wie oft die Eltern dir sagten, dass Wut und Trotz sich nicht ziemen. Du hast dich gefügt und fügst dich bis heute. Du fügst dich den Regeln, wie man erwachsen ist und unerreichbar, unerreichbar für das verdrängte Kindsein. Damit hast du mich geopfert. Das macht mich wütend, und meine Wut ist in dir und vor mir hast du Angst.
 
Es ist die Angst in uns beiden, die uns trennt. Ich habe Angst davor, neuerlich vergessen zu werden, und du fürchtest meinen Vorwurf, es getan zu haben.
 
Ob wir einen neuen Anfang schaffen?
 
Ich träume noch immer vom Spielen. Ich träume davon, aufzuwachen und die schiere Unendlichkeit eines neuen unbefleckten Tages vor mir zu wissen anstatt deiner Pflichten. Ich träume davon, dich bei mir zu wissen: stark, wenn es gilt, mich zu beschützen, sanft, um mich anzuleiten und großmütig, wenn ich meine Freiheit ergründe.
 
Vielleicht ist es doch nicht zu spät. Frei sind wir noch immer, frei für ein neues Begreifen. Noch immer bin ich in dir. Ich bin jung und freudig bereit, zu lernen und zu wachsen. Du hingegen dachtest, ohne mich auszukommen, auskommen zu müssen, weil auch du mich verloren wähntest. Auch du bist verbittert.
 
Doch wir sind eins. Wir können einander noch immer ergänzen.
 
Nimm meine Hand. Ich gebe sie dir, weil deine Reife in mir ist und ich dich brauche, um es zu fühlen. Gib du mir deine Hand, damit ich dir zeigen kann, das Leben kindlich zu lieben.

                                                                                             20. April 2017

Schneefall
 
Draußen fiel leise, ganz leise der Schnee. Grau der Himmel, grau die Gegend, irgendwie grau auch der Schnee. Doch es war ein sehr sanftes Grau, ein behütendes, beruhigendes, das den Übergang vom Himmel zur Erde unterschiedslos machte in diesem dichten, unhörbar leisen Herniedersinken unzähliger Flocken. Sachte legten sie sich übereinander zu einer fast kuscheligen Decke über dem gefrorenen Boden, und weil kein Wind sie dabei störte, bildeten sie Häubchen auf den Ästen, Zweigen und Zaunlatten, als sollte sie ein wattiger Mantel vor dem Frost bewahren. Der Wald stand still und trug geduldig die Last, die sich zunehmend auf ihn legte und jeden Ast mit einem dicken Schneepolster nach unten drückte.
Kein Schulbus verkürzte noch den Weg zur Schule. Da galt es durch den tiefen Schnee zu stapfen, den kein Schneepflug geräumt hatte, doch es gab auch keine Idee, dass es anders hätte sein können. Vielmehr boten die Schulwege noch die Möglichkeit der Unterhaltung mit den Mitschülern, das gemeinsame Herumtollen zumindest auf dem Nachhauseweg, lustige Schneeballschlachten und Schlittenfahrten.
Ja, das waren noch die Winter der Kindheit. Sie kamen zuverlässig und wussten noch nichts vom beschworenen Klimawandel, der sie bald zur Ausnahmeerscheinung in unserer Gegend machen würde. Ohne sie wäre der Advent nicht dieser Advent gewesen, von dem niemand noch in Frage stellte, dass es die stillste Zeit im Jahr war. Das Christkind gab es damals noch wirklich, und es schickte als einzigen Vorboten den Nikolaus. Mit ein paar klassischen Äpfeln und Nüssen und immerhin auch schon einigen Schokoladestücken, die in buntes Stanniol gewickelt waren, ließ er erahnen, was sich zu Weihnachten in noch größerer Pracht auftun sollte: der geschmückte Baum mit seinen duftenden Wachskerzen und darunter ein paar von den Spielsachen, die man schon das ganze Jahr über ersehnt hatte.
Heute liegt der Nikolaus spätestens im Oktober in den Regalen, und wer nicht zu diesem Zeitpunkt nach einem Adventkalender Ausschau hält, der noch ein bisschen an früher erinnert, muss sich mit der üblichen Version begnügen oder am besten gleich darauf verzichten. Was damals an den Adventkalendern so sehr faszinierte, war ja wahrscheinlich auch gar nicht das kitschige Rehlein darauf in einem tief verschneiten heimatlichen Wald, der mit nostalgischem Silberglitter bestreut war, sondern das tageweise Herantasten an das besondere Ereignis am 24. Dezember. Wie soll dieses Erleben von einem computergezeichneten Rentier ersetzt werden können, das den Schlitten eines dickbäuchigen Sprachgestörten zieht – weil der nämlich hauptsächlich nur „Ho-ho-ho!“ sagen kann? Auch die vielen Weihnachtslieder, die heute aus zahllosen Lautsprechern teilweise dröhnen, haben nichts mehr zu tun mit den damals viel bedachtsamer gesetzten Zeitpunkten, wo sie nur im Radio zu hören waren.
Erschien damals dem Kind der Advent viel zu lang, ist er heute den Erwachsenen längst zu kurz geworden. Überfüllte Parkplätze an Einkaufswochenenden, genervte Verkäuferinnen und Verkäufer, ratlose Gesichter: was kaufen für wen, für dessen Vorweihnachtsgeschenk man heute noch keine Verwendung hat? Zeit gibt es kaum noch. Sie ist den vielen Weihnachtsfeiern und sonstigen Veranstaltungen geopfert, die auszulassen man sich nicht leisten kann.
Und dennoch: da tief innen drin gibt es noch immer die brennenden Kerzen am Adventkranz, den Duft nach dem echtem Tannenreisig, aus dem er gemacht ist, vielleicht sogar den Geruch nach Bratäpfeln, das heimelige Gefühl des warmen Raumes, in dem man sich mit seinen Lieben befindet und sich gerade durch die Vorfreude auf das Fest in der Geborgenheit wohlfühlt. Vielleicht ist es stattdessen auch nur ein ganz bestimmtes Fenster, durch das man hinaussieht. Nur einen Gedanken weit ist es entfernt: da draußen fällt leise, ganz leise der Schnee.
 
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